Rezension
Karl Resel, 11.2.2004
Angenommen, man liest in der Zeitung über eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Wohin mit dem unmittelbaren Zorn? Hat man ein Gegenüber, mag man die Seiten kurz weglegen, um sich zu entrüsten. An miesen Tagen findet der Ärger Ausdruck in Zynismus. Aber in seltenen Stimmungen, wenn man alleine ist, Muße und Kreativität hat, erlaubt man sich mitunter, kurz in die Haut eines Beteiligten zu schlüpfen. Und man spielt an den Varianten und fragt sich: „Was wäre, wenn er oder sie auf einmal ganz anders handeln würden?“ Dann erschafft man sich eine Parallelwelt, in der Läuterungen und Lösungen möglich sind, die sich die real handelnden Personen durch ihre Engstirnigkeit selbst verbauen.
Dietmar Gnedt ergibt sich ganz einer solchen Phantasie. „Der Splitter im Auge“ beschreibt die Katharsis des politisch rechts stehenden Kolumnisten Kronawetter, der regelmäßig rassistische Ressentiments schürt. Gnedt macht wenig Hehl daraus, dass diese Figur für Richard Nimmerrichter steht, der in der Kronen Zeitung noch vor kurzem als Staberl sein Unwesen trieb. Die Geschichte setzt ein, als der Protagonist erfährt, dass er eine drogensüchtige Tochter hat. Dieses Erlebnis lässt ihn von seinem gewohnten Weg abkommen. Er beginnt einen persönlichen Rachefeldzug gegen Drogen dealende Ausländer. Das Mittel der Kolumne erscheint ihm dafür aber zu oberflächlich, er möchte die Machenschaften exemplarisch anhand einer Reportage über den jüngst aus der Schubhaft geflohenen Makabu Osiri aufrollen. Doch je tiefer er schürft, desto brüchiger wird sein Fundament fester Überzeugungen. Die innige Beziehung des vermeintlichen Verbrechers zu einer weißen Frau lässt ihn an seinen vorgefassten Meinungen zweifeln. Schlussendlich erfährt er am eigenen Leib, was es heißt, unschuldig vom System gejagt zu werden.
Gnedt gelingt es, das „Was-Wäre-Wenn“ mit tragender, sensibler Sprache in zusammenlaufende Handlungsstränge zu packen. Dabei mag man verzeihen, dass die Story nicht hundert Prozent plausibel ist. So wird etwa die weiße Geliebte doch etwas zu unattraktiv beschrieben, um einen Mann von Makabu Osiris Format entflammen zu können. Auch hätte der reale Staberl wahrscheinlich selbst unter den von Gnedt beschriebenen Umständen zu keiner Läuterung gefunden: „Es ist leichter ein Atom zu zertrümmern als eine vorgefasste Meinung,“ meinte schon Albert Einstein. Doch trotz alledem: Wir begleiten den Staberl-ähnlichen Protagonisten gerne dabei, wenn seine Welt Stück für Stück zerbröselt. Warum? Ganz einfach weil wir uns wünschen, dass das so passiert!
Gnedt scheint sich bewusst, dass es sich bei seiner Geschichte um eine moralische Wunschvorstellung handelt, dass die realen Welt selten nach den Regeln der poetischen Gerechtigkeit funktioniert. Er tat gut daran, dies selbst zu ironisieren, indem er eine kurze Rahmenhandlung schafft, die in vielen Fällen das komplette Gegenteil der eigentlichen Story verkörpert: fragmentarisch, offen, fragend, experimentell in der Sprache. Der Gegensatz wirkt. Der Rahmen ermöglicht es, in Gnedts Parallelwelt aufzugehen.
Operation Wahrheit
Der Roman „Splitter im Auge“ von Dietmar Gnedt. Eine Empfehlung Christian Eder
Was ist Wahrheit? Die bekannte Frage, wie sie nicht nur Pilatus stellte, ist das Leitmotiv des Buches. Der Held, ein nigerianischer Flüchtling, könnte vieles sein- Mörder, Drogendealer, Betrüger. Oder doch ein unschuldig Verfolgter, ein Künstler, ein warmherziger Mensch, ein großer Liebender?
Wer er wirklich ist, enthüllt sich im Verlauf des glänzend komponierten Romans von Dietmar Gnedt, der sich spannend wie ein Kriminalroman liest.
Es ist auch eine Geschichte um Vaterschaft und Schuld, über rassistische Vorurteile und politische Verwerfungen, über Boulevardjournalismus und zerstörte Leben. Aber in erster Linie geht es um Menschen, die im Guten und Bösen, in all ihrer Widersprüchlichkeit vom Autor genau und glaubwürdig gezeichnet werden. Dietmar Gnedt bezieht eine klare moralische Position, aber er verurteilt nicht. Der Titel des Romas ist in dieser Hinsicht programmatisch.
Es ist neben der Geschichte vor allem die Sprache Dietmar Gnedts, die berührt. Besonders gut gelingen dem Autor die zwischenmenschlichen Szenen, vor allem die Augenblicke von Zärtlichkeit und Liebe. Dass Leid und Schmerz, Einsamkeit und Trauer Begleiter des menschlichen Lebens sind, wird freilich nicht ausgespart.
Zuletzt liefert der Autor kein billiges Happyend, aber die Hoffnung bleibt. Man legt das Buch nachdenklich, ergriffen und zugleich seltsam erhoben aus der Hand. „Splitter in Auge“ ist jedem Leser, der literarischen und ethischen Anspruch nicht für unvereinbar hält, nachdrücklich zu empfehlen.
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